„Grundlagenpapier 2021“

Kindertagesstätten

Soziale Berufe sind Lohnarbeit und nicht nur Berufung
Wir brauchen mehr Geld, Personal und Ausstattung!
Entwurf, Stand 17.11.2020


Gute Bildung und Betreuung steht und fällt mit dem pädagogischen Personal am optimalen Arbeitsplatz.
Damit sieht es sehr schlecht aus. Überall herrscht extrem hoher Fachkräftemangel.

Unsere Dienstleistung ist  Grundlage für das Funktionieren von Betrieben, Unternehmen, allgemein der Volkswirtschaft. Wir ermöglichen Eltern die Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Unsere Arbeitsbedingungen sind die Lebensbedingungen der Kinder. Nur gesundes, entspanntes und selbstreflektiertes Personal trägt dazu bei, dass Kinder die nötige Bildung und Betreuung erhalten.

Politik und Gesellschaft wollen, dass Kinder nicht nur betreut werden? Wir sollen den Kindern Bildung angedeihen lassen?
Dafür brauchen wir Arbeitsdedingungen im Rahmen eines Bundesqualitätsgesetz.
In Bayern sind wir davon noch sehr, sehr weit entfernt. Die Standards für kindgerechte Personalschlüssel und Gruppengrößen  werden für 66% aller Kinder und aller Gruppen nicht erreicht (siehe Anm. 1).

Wir vermissen die entsprechende Anerkennung und Wertschätzung in Form von Bezahlung und Arbeitsbedingungen. Das hat sich bei jungen Leuten in der Berufswahlphase ganz offensichtlich herumgesprochen.

Mehr Qualität und gute Arbeitsbedingungen  durch das Gute-KiTa-Gesetz? Nicht möglich. Die Landesregierung  hat aus den 10 Optionen des Gesetzes aus Beschäftigtensicht viel zu wenig ausgewählt.
Folglich ist es mit den besseren Bildungschancen sozial benachteiligter Kinder auch nicht weit her.
 

Die Rekrutierungssituation im Beruf der Erzieherin/des Erziehers ist höchst angespannt. Nach Angaben von Arbeitgebern stellt sich jede zweite Neueinstellung im Erzieherbereich als schwierig dar. Es gibt einfach eine zu geringe Bewerberzahl. Der Mangel an Erzieherinnen und Erziehern ist so gravierend, dass dadurch die Arbeit der Kitas leidet. Mehr als 90 Prozent der Kitas haben zu wenig Personal, um eine hohe Betreuungsqualität  aufrechtzuerhalten. Und alljährlich gibt es Berichte von der „Platzangst“ der Eltern, dem schwachen Versorgungsgrad in den Stadtteilen, nicht nur in der Boomstadt München.

Es wurden und werden Gesetze verabschiedet, ohne dass es dafür das entsprechene Personal gab, gibt und auch nicht geben wird. Seit 2013 gibt es für unter Dreijährige den  Rechtsanspruch auf Kindertreuung. Trotzdem fehlen Eltern und Kindern aktuell fast 350.000 Plätze.

Unter Dreijährige in öffentlich geförderter Betreuung in Deutschland

Die Schere zwischen dem Bedarf an Personal und dem Personal, welches „auf dem Markt ist“, klafft gigantisch auseinander. Bis zum Jahr 2025 werden in Krippen, KiTas und in der Grundschulbetreuung bis zu 329.000 zusätzliche pädagogische Fachkrafte gebraucht. (s. Anm. 2)

Die Grafik zeigt nach einer Hochrechnung für Deutschland den Personalbedarf und die erwartbare Personaldeckung in der Kindertages- und Grundschulbetreuung bis zum Jahr 2025.

Quelle der Grafik

Damit nicht genug: Aufgrund schwieriger Arbeitsbedingungen und fehlender Karrierechancen verlassen 25% der Fachkräfte das Arbeitsfeld schon in den ersten fünf Jahren.

Das Bundesprogramm Fachkräfteoffensive Erzieherinnen/Erzieher will den Beruf bis 2030 allgemein attraktiver machen. Als Schlüsselmaßnahmen zur Reduzierung der Belastungen und Beanspruchungen am Arbeitsplatz werden u.a. genannt

  • eine gute Personalausstattung, mit der auch Urlaube und krankheitsbedingte Abwesenheiten aufgefangen werden können,
  • eine angemessene Fachkraft-Kind-Relation, die sowohl die direkte als auch die indirekte Betreuungszeit (z. B. für Elterngespräche) berücksichtigt.

Das ist aber nur ein erster Schritt in die richtige Richtung! Mit weiterer Flickschusterei lässt sich der Fachkräftemangel nicht überwinden. Hochglanzbroschüren und Sonntagsreden helfen nicht weiter. Echte Attraktivitätssteigerung unseres Berufes  wird nur gelingen mit einer Aufwertung der Sozial- und Erziehungsberufe.

Politik und Gesellschaft wollen, dass Kinder nicht nur betreut werden. Wir sollen den Kindern Bildung angedeihen lassen. Das erfordert die entsprechenden Rahmenbedingungen.
Und vor allem fordern wir Arbeitsbedingungen, die das Arbeiten bis zur Rente ermöglichen:

Arbeitszeit

  • eine gestaffelte Absenkung der Arbeitszeit und altersangepasste Arbeitszeit bei vollem Lohnausgleich
  • die endgültige Anpassung der Arbeitszeit Ost/ West
  • die Wahlmöglichkeit zwischen mehr Lohn, mehr Freizeit, mehr Urlaub

Beschäftigungsverhältnisse – wichtig für Kontinuität der Beziehung

  • unbefristet als Regel
  • Streichung der sachgrundlosen Befristung

 Bessere Entlohnung, dazu gehören

  • die Angleichung Ost/West
  • bessere Aufstiegsmöglichkeiten
  • einheitliche Entgeltgruppen für Erzieher*innen, kein S8a/S8b
  • Eingruppierung von Leitungen unabhängig von der Kinderzahl, stattdessen die Bewertung nach der Personalverantwortung
  • Anpassung der Stufenlaufzeit S an die E-Tabelle
  • stufengleicher Aufstieg unter Beibehaltung der Stufenlaufzeit
  • Mitnahme von Stufenlaufzeiten beim Arbeitgeberwechsel

Überstundenregelungen

im Sinne der Arbeitnehmer*innen – Überstunden müssen für Arbeitgeber „unbezahlbar“ werden

Einhaltung der Gesundheitsschutzgesetze und Arbeitsstättenverordnung
Gesundheits- und Arbeitssschutzmaßnahmen wie

  • angemessene erwachsenengerechte Bestuhlung für alle (unabhängig von Attesten)
  • Schalldämmung, die vor Lärm schützt (wie für Sportlehrer an weiterführenden Schulen)
  • gutes Raumklima (Belüftung, Gerüche,Temperatur)
  • Sicherheit durch regelmäßige Reparaturen
  • „biologische Arbeitsstoffe“; Prävention gegen erhöhtes Infektionsrisiko (besonders bei Schwangeren)

Räume und technische Ausstattung für das Personal

  • Ruheräume
  • Besprechungsräume
  • Vorbereitungsräume in ausreichender Größe mit der erforderlichen Ausstattung (ausreichend Computer)

 Räume und Orte für Kinder

  • für die pädagogische Arbeit in ausreichender Zahl
  • Ruheräume
  • Garten, Bänke …

 

Etat für die pädagogische Arbeit
Bücher, Spielmaterial, Bastelmaterial, Ausflüge, …

 Gutes Essen für Kinder
LHM bietet Kindern und Beschäftigten eine hochwertige Verpflegung

  1. Auswahl an Angeboten
  2. hauswirtschaftliche Betriebsleitungen und qualifiziertes Küchenpersonal

 


Anmerkung 1

Um den empfohlener Personalschlüssel abzudecken, fehlen
– 5.133 Personen in der Krippe
– 2.081Personen im kindergarten

Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung
Rekrutierungssituation im Beruf der Erzieherin/des Erziehers

Anmerkung
„Bis zu 329.000 zusätzliche pädagogische Fachkräfte werden in Krippen, Kindergärten und in der Grundschulbetreuung bis zum Jahr 2025 zusätzlich gebraucht – wird der Geburtenanstieg, die Zuwanderung, nicht erfüllte Elternwünsche und ein verbesserter Personalschlüssel zugrunde gelegt. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Forschungsverbunds DJI/TU Dortmund. … Im gleichen Zeitraum münden voraussichtlich etwa 274.000 einschlägig ausgebildete Nachwuchskräfte in das Arbeitsfeld ein. Sie können lediglich die ausscheidenden Fachkräfte ersetzen sowie den Mehrbedarf aufgrund von Geburtenanstieg und Zuwanderung auffangen. Für einen weiteren Ausbau von Betreuungsplätzen sowie Qualitätsverbesserungen fehlen dann noch etwa 309.000 Kita-Fachkräfte, 15.000 Tagespflegepersonen sowie 5.000 Stellen in der Ganztagsschule.“Anmerkung 1

Anmerkung 2
Ländermonitoring Frühkindliche Bildungssysteme 2020 | Key Facts Bayern 
– 66,5%  der Kinder  sind in Gruppen mit einem nicht kindgerechten Personalschlüssel
– 64,5% der Gruppen haben eine nicht kindgerechten Gruppengröße

Um den empfohlener Personalschlüssel abzudecken, fehlen
– 5.133 Personen in der Krippe
– 2.081Personen im kindergarten

 

Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung
Rekrutierungssituation im Beruf der Erzieherin/des Erziehers

 

Allensbach – Studie
Erziehen als Beruf – Wahrnehmungen der Bevölkerung zum Berufsfeld Erzieherin/Erzieher

 

PROGNOS
ZUKUNFTSSZENARIEN – FACHKRÄFTE IN DER FRÜHEN BILDUNG GEWINNEN UND BINDEN
Aufgrund schwieriger Arbeitsbedingungen und fehlender Karrierechancen verlassen viele Fachkräfte das Arbeitsfeld schon in den ersten fünf Jahren. Um den Erzieherin-/Erzieherberuf bis 2030 allgemein attraktiver zu machen, schlagen die Prognos-Experten  Ansätze vor:
1. Verbesserung der Ausbildungsbedingungen durch Vergütung der Ausbildungszeit
2. angemessene Bezahlung bzw. tarifliche Eingruppierung
3. anschlussfähige Weiterentwicklungs- und Karrieremöglichkeiten
2. Steigerung der Attraktivität des Berufsfeldes
3. öffentlichkeitswirksame Aufwertung des Berufsimages
Der zweite Ansatz zielt auf die Veränderung negativer Bedingungen, die einen Verbleib in der Ausbildung oder im Beruf gefährden. Dazu gehören u. a. Befristungen, eine hohe Arbeitsbelastung und fehlende Alternativen zur Teilzeitbeschäftigung, um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu erreichen. Eine gute Personalausstattung der jeweiligen Kinder-betreuungseinrichtung, mit der auch Urlaube und krankheitsbedingte Abwesenheiten aufgefangen werden können, sowie eine angemessene Fachkraft-Kind-Relation, die sowohl die direkte als auch die indirekte Betreuungszeit (z. B. für Elterngespräche) berücksich-tigt, sind Schlüsselmaßnahmen, um die Belastungen und Beanspruchungen der Erzie-her*innen zu reduzieren.
„Eine hohe Qualität der Bildungs- und Betreuungsarbeit trägt zu einer höheren Anerkennung des Berufes bei und steigert die Zufriedenheit der Erzieher*innen mit der eigenen Tätigkeit in der Frühen Bildung“.
Volltext (18 Seiten)

GEW München (Entwurf)
Ganztag zwischen Anspruch und Wirklichkeit

GEW Bund
10-Punkte-Programm gegen den Lehrkräftemangel
Vorschläge zur Fachkräftegewinnung

 

Bildungsbericht 2020 – übergreifende Trends und zentrale Herausforderungen
„Neben der akuten Problematik, den Zugang zu Bildung im Zuge der Corona-Pandemie aufrechtzuerhalten, bestehen langfristige zentrale Herausforderungen. Sie haben nichts an Aktualität eingebüßt, sondern erfahren teilweise eine neue Dringlichkeit.“

Die Quote der allgemeinen und der Fachhochschulreife geht zurück … mehr Jugendliche verlassen die Schule ohne mindestens einen Hauptschulabschluss.

Der zunehmende Anteil von Personen ohne allgemeinbildenden Bildungsabschluss in der Bevölkerung … verschlechtert für sie und ihre Kinder langfristig die Lebensperspektiven. Soziale und regionale Ungleichheiten bleiben ein maßgeblicher Faktor für Teilhabechancen.

 

Bildungsbericht 2020 – zentrale Ergebnisse (Prof. Rauschenbach)

Dr. Christiane Meiner-Teubner zu den Kita-Zahlen 2020
Anlässlich neuer Daten der KJH-Statistik zu der Kindertagesbetreuung hat das DJI ein Interview mit Frau Meiner-Teubner von der Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik durchgeführt.

DJI-Direktor Thomas Rauschenbach  über steigenden Bedarf an Betreuungsplätzen und Kita Personal
„Obwohl in Deutschland in einem enormen Kraftakt seit 2006 mehr als 670.000 neue Plätze in Kitas und Tagespflege für Kinder bis zur Einschulung geschaffen wurden, ist die Schere zwischen Angebot und Nachfrage weiter auseinandergegangen.“

Prof. Dr. Stefan Sell
Unter-und Fehlfinanzierung frühkindlicher Bildung und Betreuung in der föderalen Finanzierungsblockade

 

Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik
Startseite

Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik
Eckdaten zu aktuellen Entwicklungen in den Hilfen zur Erziehung